Wem kann man den Rückgang der Reallöhne in Großbritannien anlasten? Wirklich niemandem?

Die Belastung der britischen Konsumenten durch sinkende Reallöhne wird als maßgebliche Ursache für die (bis dato) lediglich schleppende Konjunkturerholung angesehen. Einen Großteil der Schelte dafür haben die Arbeitgeber einstecken müssen – doch ist das wirklich gerechtfertigt? Haben die Arbeitgeber Lohnanstiege wirklich absichtlich unter der Inflationsrate gehalten, um so ihre eigene Profitabilität zu steigern, oder handelte es sich dabei vielmehr um eine unbeabsichtigte Folge einer unerwartet hohen Inflation?

Betrachtet man die von Eurostat erhobenen Daten zum nominalen Lohnwachstum in Großbritannien seit der Kreditkrise, so lag dieses erst in den letzten Jahren unter dem Inflationsziel der Bank of England von 2%. Im Jahr 2008 betrug das nominale Lohnwachstum hingegen noch 6,1 Prozent, 2009 waren es 1,8 Prozent, 2010 dann 3,6 Prozent und 2011 2,1 Prozent.

Das nominale Lohnwachstum ist nur 2012 deutlich hinter dem Inflationsziel der BoE zurückgeblieben

In den gleichen Jahren fiel aber auch die Arbeitsproduktivität pro geleisteter Arbeitsstunde (die ebenfalls von Eurostat ermittelt wird) erschreckend aus. So betrug diese Kennzahl im Jahr 2008 -1,2 Prozent, 2009 waren es -2,3 Prozent, 2010 +1,1 Prozent und 2011 dann +0,7 Prozent. Mit anderen Worten: Die Unternehmen haben also scheinbar versucht, ihren Arbeitnehmer bereits im Vorfeld einen Ausgleich für die erwartete Inflation zu bieten, wobei sie jedoch davon ausgingen, dass die Bank of England ihr Inflationsziel auch erreichen wird. Im Nachhinein betrachtet wurden die Arbeitnehmer für Produktionssteigerungen gleichzeitig überproportional belohnt.

Die Arbeitsproduktivität war nur mäßig – und oftmals sogar negativ

Besteht das Problem bei den Löhnen also doch nicht in der Lohnpolitik der Unternehmen, sondern in der überraschend hohen Inflation? (Seit dem Ausbruch der Kreditkrise hat der Verbraucherpreisindex (CPI) mit Ausnahme von sechs Monaten im Jahr 2009 stets über der 2-prozentigen Zielvorgabe der Notenbank gelegen.) Hätte die Inflation der Zielvorgabe entsprochen oder wäre sogar darunter geblieben, so wären die realen Einkommen der Arbeitnehmer bis 2012 höher ausgefallen. Und natürlich stünden sie auch wesentlich besser da, als man angesichts der in der Vergangenheit starken Wechselwirkung zwischen dem Lohnwachstum einerseits und der Produktivität andererseits eigentlich erwartet hätte. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man der Bank of England an dieser Stelle wirklich einen Vorwurf machen kann. Denn um das Inflationsziel von 2 Prozent einzuhalten, hätte man die Zinsen auf ein unangemessen hohes Niveau anheben müssen. Dadurch aber wäre dann die Binnennachfrage in Mitleidenschaft gezogen worden. Außerdem wären die bereits Not leidenden Bilanzen der öffentlichen Hand sowie des Privatsektors in Großbritannien noch zusätzlich unter Druck geraten. Gleichzeitig ist die Produktivität momentan auch deshalb lediglich mäßig, weil die Beschäftigtenzahlen trotz einer relativen schwachen Konjunktur überraschend hoch sind. Deshalb hören sich eine niedrige Inflation und eine hohe Produktivität der britischen Wirtschaft zwar gut an – doch in der Realität wäre dies vermutlich nur mit einer gleichzeitig wesentlich schärferen Rezession sowie einer höheren Arbeitslosigkeit möglich gewesen.

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