Gilt das Sprichwort „Sell in May and go away“ auch für europäische Anleihen?

Wie üblich gab es auch dieses Jahr anlässlich des 1. Mai wieder eine Vielzahl von Artikeln und Kommentaren zum „Sell in May and go away“-Effekt. Sollte Ihnen diese äußerst ausgeklügelte Anlagestrategie nicht geläufig sein: Sie sieht vor, sämtliche Aktienengagements, die am 30. April bestehen, aufzulösen und erst am 1. November wieder zu investieren. In der Vergangenheit haben sich US-Aktien in dem 6-Monatszeitraum von Mai bis Oktober nämlich insgesamt schwächer entwickelt als während der sechs Monate von November bis April. Niemand kennt den Grund für diese saisonalen Tendenzen. Einige Theorien gehen jedoch davon aus, dass die Handelsvolumina während der Sommerferien sinken und anschließend wieder ansteigen, sobald die Anleger aus dem Urlaub zurückgekehrt sind.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns die Frage gestellt, ob sich dieser Effekt auch an den europäischen Anleihenmärkten beobachten lässt. Um einen solchen „Sell in May“-Effekt identifizieren zu können, haben wir die Gesamterträge eines Portfolios europäischer Staats-, Hochzins- sowie Unternehmensanleihen mit Investmentstatus auf Monatsbasis betrachtet. Auf dieser Grundlage haben wir dann den Gesamtertrag für ein Portfolio ermittelt, das von November bis April investiert war, und diesen mit dem Gesamtertrag eines Portfolios verglichen, das zwischen Mai und Oktober investiert war. Um eine möglichst große Zahl von Daten zu erhalten, reichte unsere Betrachtung sogar bis zur Zusammenstellung der jeweiligen Indizes von Merrill Lynch Bank of America zurück. Die Ergebnisse haben wir nachfolgend für Sie zusammengestellt.

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An den europäischen Hochzinsmärkten gibt es offenbar ebenfalls einen saisonalen Effekt. Schließlich ist diese Anleihenklasse auch am engsten mit den Aktienmärkten korreliert. So hat die Analyse ergeben, dass man bei ausschließlichen Engagements von November bis April hervorragende Erträge (von insgesamt 199 Prozent) erzielt hätte. Damit hätte diese Strategie wesentlich bessere Ergebnisse zur Folge gehabt als eine Investition während des gesamten Beobachtungszeitraums (1997 bis April 2014). Und falls sich ein Anleger dafür entschieden hätte, lediglich jeweils von Mai bis Oktober positioniert zu bleiben, hätte er in den letzten 16 Jahren sogar einen Verlust von 21 Prozent erlitten.

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Der nächste logische Schritt bei dieser Analyse besteht darin, zu untersuchen, wie sich eine Anlagestrategie entwickelt hätte, die in den letzten 18 Jahren zwischen Mai und Oktober vollständig in europäischen Staatsanleihen bzw. zwischen November und April komplett in europäischen Unternehmensanleihen mit Investmentstatus investiert war. Anschließend können wir die Ergebnisse dieser Strategie mit denen von Portfolios vergleichen, die durchgehend in europäischen Staatsanleihen, europäischen Unternehmenspapieren mit Investmentstatus bzw. europäischen Aktien investiert gewesen waren. Es stellt sich heraus, dass eine Strategie, bei der Anleihen mit Investmentstatus im Mai veräußert worden wären und der Erlös dann in Staatsanleihen investiert worden wäre, einen überdurchschnittlichen Ertrag von etwa 5,9 Prozent p.a. erzielt und europäische Aktienengagements damit um insgesamt 56 Prozent (bzw. 2,5 Prozent p.a.) übertroffen hätte.

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Die obige Grafik beruht auf derselben Analyse der Gesamterträge, diesmal haben wir aber lediglich europäische Unternehmensanleihen mit Investmentstatus durch europäische Hochzinspapiere ersetzt. Mit einer solchen Strategie hätte man im Laufe von gut 16 Jahren einen annualisierten Ertrag von rund 10,5 Prozent generiert (was einem Gesamtertrag von 391 Prozent entspricht). Dieses Ergebnis liegt deutlich über den Erträgen, welche die Märkte für europäische Hochzinsanleihen bzw. europäische Aktien im gleichen Zeitraum erzielt haben. Diese betrugen nämlich lediglich 155 Prozent bzw. 43 Prozent.

Unsere Untersuchungen belegen also, dass sich an den europäischen High Yield-Märkten, an denen die Erträge im Allgemeinen vergleichsweise volatil sind und aufgrund von schwankenden Kapitalwerten bei Hochzinsanleihen beträchtliche Auf- und Abwärtsbewegungen möglich sind, ein ausgeprägter saisonaler Effekt beobachten lässt. Man sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass sich in diesen Ergebnissen auch der Umstand widerspiegelt, dass bedeutende Ereignisse, welche die Risikoscheu verstärkt haben (wie beispielsweise die Pleite von Lehman Brothers, die Finanzkrise in Asien oder die russische Finanzkrise) stets zwischen Mai und Oktober aufgetreten sind. Nichtsdestotrotz sprechen die historischen Gesamterträge an den europäischen Hochzinsanleihen-Märkten für einen saisonalen Effekt, dessen sich die Anleger bewusst sein sollten. Ohne Berücksichtigung von Transaktionskosten und steuerlichen Belastungen, die den Gesamtertrag schmälern würden, hätte eine Anlagestrategie, bei der Unternehmensanleihen mit Investmentstatus oder Hochzinsanleihen im Mai verkauft und die Erlöse bis November in Staatsanleihen investiert worden wären, gegenüber durchgängigen Engagements in europäischen Staatspapieren, Unternehmensanleihen mit Investmentstatus, Hochzins-Unternehmenspapieren und auch Aktien überdurchschnittliche Ergebnisse zur Folge gehabt.

Obwohl es grundsätzlich gefährlich ist, eine Anlagestrategie auf einem Kinderreim aufzubauen, scheint es angesichts der historischen Gesamterträge durchaus sinnvoll zu sein, risikobehaftete Anlagen im Mai zu veräußern und stattdessen in Staatsanleihen zu investieren, da diese von Ereignissen, die das Kaufinteresse an Risikopapieren beeinträchtigen, wohl am meisten profitieren würden, bevor man das Risikoniveau seiner Anleihenportfolios im November dann wieder erhöht. Allerdings ist auch an einem anderen alten Sprichwort etwas Wahres dran: Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Hinweis auf zukünftige Ergebnisse.

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