Negativzinsumfeld – ein Wiki der unbeabsichtigten Folgen

Negativzinsen sind kein neues Phänomen. So senkte die Schweiz bereits in den 1970er-Jahren die Verzinsung für ausländische Geldgeber auf unter Null, um den Kapitalzufluss in die Schweizer Währung zu bremsen. Das heutige Negativzinsumfeld ist jedoch deutlich umfassender. Die Schweiz, Dänemark, Schweden, Japan und die Eurozone betreiben alle eine Politik der Negativzinsen. Über den beabsichtigten Übertragungsmechanismus bei negativen Zinsen wurde bereits viel geschrieben: Billigere direkte Kreditkosten für Haushalte und Unternehmen führen zu stärkeren Wirtschaftsaktivitäten und bewirken außerdem Portfolioneuausrichtungen, weil Anleger Assets mit niedrigen bzw. negativen Renditen verkaufen, um in risikoreichere Instrumente zu investieren, wodurch die Finanzierungskosten der Unternehmen sinken. Zudem reduzieren Negativzinsen kontroverserweise die Attraktivität der Landeswährung in einer Welt, in der die Geldentwertung aus Wettbewerbsgründen als wünschenswert gilt. In diesem Blogbeitrag möchte ich jedoch auf einige der anderen Folgen von Negativzinsen eingehen, von denen manche unbeabsichtigt sind und manche den politischen Entscheidungsträgern diverse Probleme bereiten.

Angefangen habe ich mit der Auflistung von zehn Beobachtungen. Diese Liste soll aber regelmäßig entsprechend den Entwicklungen, die das Negativzinsumfeld in den kommenden Monaten oder Jahren nimmt, aktualisiert werden. Dabei bitte ich um Ihre Mithilfe: Wenn Sie Veränderungen in den Verhaltensmustern (Stichwort: „Behavioural Finance“) oder Nachrichten von historischer Bedeutung entdecken, würde ich mich über einen entsprechenden Hinweis freuen. Sie können dazu nachstehend einen Kommentar hinterlassen oder aber uns die betreffenden Links per Twitter (@bondvigilantes) oder E-Mail schicken. Fakten mit Quellenangaben sind natürlich immer am besten, aber auch anekdotische Informationen sind evtl. interessant. Einige der nachfolgenden Links erfordern eventuell eine Registrierung, bei den meisten ist dies jedoch nicht der Fall.

  1. Für Unternehmen mit hohem Barbestand führen Negativzinsen zu unerwarteten Kosten. Versicherungen haben beispielsweise bislang Prämien von ihren Kunden eingenommen, diese Barmittel angelegt und damit eine Rendite erzielt. In einem Niedrigzinsumfeld wird die Rendite nun bei vorzeitigen Prämienzahlungen beeinträchtigt. Das gilt für Unternehmen aller Branchen. Spätzahler werden zu den wertvollsten Kunden. Dasselbe gilt auch für den Fiskus. Im Schweizer Kanton Zug wurden die Steuerzahler vom Finanzamt explizit gebeten, ihre Steuerzahlungen so lange wie möglich aufzuschieben. Auf diese Weise sollen dem Kanton Einsparungen in Höhe von 2,5 Mio. SFR im Jahr ermöglicht werden.
  1. Der Absatz von Tresoren Wenn man sein Geld von der Bank abhebt und zu Hause oder an einem sicheren Ort wegschließt, kann man sicher sein, dass die Verzinsung schlimmstenfalls bei Null liegt. Außerdem ist man dann auch davor geschützt, als Sparer zur Rettung des Bankensektors herangezogen zu werden (wie z. B. im Falle Zyperns geschehen). Gegenüber dem Vorjahr ist der Tresor-Absatz des japanischen Eisenwarenhändlers Shimachu nach eigener Aussage um das 2,5-Fache gestiegen.
  1. Es sind nicht nur Privathaushalte, die ihr Bargeld verstecken, um nicht fürs Sparen zur Kasse gebeten zu werden. Der deutsche Rückversicherer Munich Re probiert derzeit die Lagerung von Bargeld in eigenen Tresoren. Zunächst will das Unternehmen Banknoten im Wert von 10 Mio. EUR bunkern.
  1. Was können die Zentralbanken tun, um die Störung des Transmissionsmechanismus durch hauseigene Geldeinlagerungen zu erschweren? Laut Mario Draghi denkt die EZB über die Abschaffung des 500-Euro-Scheins nach, der 30% des in Umlauf befindlichen Bargelds ausmacht. Er nannte die 500-Euro-Note ein Instrument der organisierten Kriminalität. Dass sie die Umsetzung der Geldpolitik stört, sprach er nicht an, doch das ist ganz eindeutig ein Faktor.
  1. Darüber hinaus könnten die Finanzbehörden entweder ausdrücklich durch Regulierungsmaßnahmen oder durch die bewährte Methode der informellen Hinweise das Abheben größerer Bargeldsummen durch Banken, Pensionsfonds und Versicherungen verhindern. In der Schweiz hat eine Bank augenscheinlich einem Pensionsfonds die Abhebung eines großen Betrags von seinem Konto in Form von Banknoten verweigert. Die Banken sind wohl von der SNB angewiesen worden, derartige Auszahlungen „restriktiv“ zu handhaben – sehr zum Ärger des Schweizerischen Pensionskassenverbands.
  1. Negativzinsen bringen einen technologischen und administrativen Mehraufwand mit sich. Finanzinstitute haben ihre Computersysteme umstellen müssen, Verträge (z. B. ISDA-Swap-Verträge) sind geändert und Anleihendokumentationen (Mindestzinssatz bei FRN) neu gefasst worden.
  1. Nachdem der 12-Monats-EURIBOR im Februar 2016 erstmalig ein negatives Niveau erreichte, erleben spanische Immobilienbesitzer – deren Hypothekenzinsen üblicherweise an diesen Referenzzinssatz gekoppelt sind, und zwar ohne Nullzins-Untergrenze – einen deutlichen Rückgang ihrer Ausgaben. Die spanische Bankinter bot zudem an den Schweizer Leitzins gekoppelte Hypotheken an. Den Kunden stehen nun teilweise monatliche Zahlungen von Seiten der Bank zu (in der Praxis zahlt die Bank den Betrag nicht aus, sondern verrechnet ihn mit der Kreditsumme). Der spanische Hypothekensektor wurde häufig als einer der Gründe angeführt, weshalb die EZB niemals einen Negativzins beschließen würde, weil dies die Gewinn- und Verlustrechnung der Banken enorm beeinträchtigen würde. Ein ähnliches Argument bezogen auf den britischen Bausparsektor führte die Bank of England in ihrer Begründung an, als sie den Leitzins auf dem relativ hohen Niveau von 0,5% beließ.
  1. Auf den Schweizer Bankensektor sind die Auswirkungen wiederum anders. Paradoxerweise sind in der Schweiz die von den Banken angebotenen Hypothekenzinsen nach Einführung der Negativzinsen gestiegen. Die dortigen Privatkundenbanken erkannten nämlich, dass es schwierig sein würde, die Negativzinsen, die sie selbst für ihre Einlagen bei der SNB zahlen müssen, an die Sparer weiterzugeben. Um ihr Gewinnniveau in etwa zu halten, mussten sie daher Darlehensnehmern mehr berechnen. Deshalb wurden die Kreditzinsen angehoben. Auch Schweizer Versicherungen bieten Hypotheken an, nutzen zur Finanzierung aber nicht Einlagen, sondern Anleihen mit längeren Laufzeiten. Da die damit verbundenen niedrigeren Zinssätze an die Investoren weitergegeben werden konnten, haben die Versicherungen gegenüber den Banken an Attraktivität gewonnen.
  1. Wie wir gesehen haben, kann die Möglichkeit, Geldscheine dem offiziellen System zu entziehen, den Transmissionsmechanismus der Geldpolitik stören und bei denjenigen, die sich für diese Eigeneinlagerung entscheiden, dafür sorgen, dass die Zinsen nicht unter Null sinken. Vor diesem Hintergrund ist das Thema elektronisches Geld aktuell geworden. Moderne Volkswirtschaften entwickeln sich ohnehin in diese Richtung: Die Nutzung von Kreditkarten, mobilen Transaktionen, PayPal und E-Banking ist in den letzten Jahren exponentiell gestiegen. In Schweden machen Bargeldzahlungen inzwischen nur 2% der Volkswirtschaft aus, gegenüber 7,7% in den USA und 10% in der Eurozone. Die Reduzierung der Bargeldnutzung wurde in Schweden teilweise durch neue Vorschriften zur Eindämmung der Steuervermeidung vorangetrieben. Allerdings gehören die Schweden auch immer mit zu den ersten, die neue Technologien einsetzen. Die Reduzierung der in Umlauf befindlichen Bargeldmenge bedeutet, dass es weniger Möglichkeiten gibt, Negativzinsen zu entkommen. Könnte Papiergeld von den Behörden ganz abgeschafft werden? Das ist ein Thema, dass sogar Andy Haldane von der Bank of England im Zusammenhang mit den Negativzinsen angesprochen hat. Ich rate allerdings davon ab, darüber öffentlich zu diskutieren, da so mancher total allergisch darauf reagiert.
  1. Um die unbeabsichtigten Folgen ihrer Negativzinspolitik abzumildern, haben die meisten Zentralbanken versucht, die Unterminierung der Bankengewinne durch die Einführung von Staffelzinsen zu minimieren. Für die verschiedenen Teilbereiche der Bankenreserven gelten dabei unterschiedliche Zinssätze. In Japan zum Beispiel würden Reserven, die vor Inkrafttreten der Negativzinsen gehalten wurden, weiter mit 0,1% verzinst. Banken werden generell dazu motiviert, ihre Reserven nicht in Banknoten umzuwandeln: Derartige Reduktionen werden nämlich in dem Teilbereich mit der höchsten positiven Verzinsung und nicht dem mit dem höchsten Negativzins vorgenommen. In diesem Blog von J. P. Koning wird das Thema ausführlicher behandelt.

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