Der Liquiditätsengpass in Venezuela: Exportieren von Reisepässen als Palliativ?

Über die Liquiditätskrise in Venezuela wurde bereits umfassend berichtet. Der jüngste Zahlungsausfall des Landes und der wahrscheinliche Ausfall der Anleihen des Staatsunternehmens Petroleos de Venezuela SA (PDVSA), in Kombination mit dem Einbruch der Importe, bestätigt die vorherrschende angespannte Liquiditätslage und humanitäre Krise. ¹

Allerdings würde eine Änderung der Wirtschaftspolitik die Krise abschwächen und die Gesundheit des Patienten verbessern. Maßnahmen könnten sein:

  1. Ein besseres Umfeld für den Privatsektor
  2. Vereinheitlichung des Währungssystems
  3. Sicherung von ausländischen Finanzmitteln, um Investitionen im Ölsektor, in dem die Produktionsrate jährlich um 10% sank, wiederaufzunehmen
  4. Vermögensverkäufe, um den Privatsektor wieder einzubinden und die Produktion außerhalb des Ölsektors zu steigern
  5. Ende der monetären Finanzierung des Haushaltsdefizits und Hyperinflation
  6. Abschaffung von Ölpreissubventionen und Preiskontrollen bei lebenswichtigen Gütern
  7. Fortsetzung der Verbreitung amtlicher Statistiken
  8. Wiederaufnahme des Dialogs mit dem IWF und anderen multilateralen Organisationen
  9. Schuldenumstrukturierung in Kombination mit den oben genannten Punkten
  10. Freie und faire Wahlen

In der Realität werden in der jetzigen Situation wahrscheinlich keine der oben genannten Maßnahmen ergriffen werden. Stattdessen werden immer wieder neue, kreative Konzepte von der Regierung angekündigt, darunter die bevorstehende Emission einer neuen Kryptowährung, dem „Petro“, der durch Öl abgesichert werden soll und mit dem versucht wird, den derzeitigen Liquiditätsengpass zu mildern.

Ein alternativer, kreativer Gedanke, der sich mir aufdrängte, ist die Einrichtung eines „Staatsbürgerschaft durch Investitionsprogramms“, ähnlich wie die bereits existierenden und unten aufgeführten:

Die Anforderungen der jeweiligen Länder sind unterschiedlich. Manchmal umfassen sie Aufenthaltsbedingungen, sie erfordern jedoch immer eine Investition in einen staatlichen Fonds, in Immobilien und / oder Anleihen. Manche Länder gewähren einen befristeten Aufenthalt, mit der Möglichkeit für eine spätere, wenn auch nicht automatische, Staatsbürgerschaft (d.h. bestimmte EU-Länder, mit Ausnahme von Malta und Zypern). Die Einnahmen, die aus solchen Programmen hervorgehen, können immens sein. Das Programm von Dominica übersteigt beispielsweise 5% des BIP, während St. Kitts um etwa 4% zurückgegangen ist (bei Einführung lagen die Einnahmen bei über 12% des BIP).

Ein venezolanischer Reisepass ist attraktiv, da er dem Inhaber das Reisen in mehr als 130 Länder ohne Visum ermöglicht, einschließlich in die Europäische Union. Außerdem ist Platz 34 der globalen Rangliste, also noch vor Peru, Kolumbien und Panama, gar nicht so schlecht. Hier noch weitere Positionen der Rangliste für Reisepässe. Ich gehe davon aus, dass ein Programm in Venezuela nicht den Wohnsitz im Land erfordert, sondern einen monetären Beitrag im Gegenwert von 75.000 US-Dollar verlangt. Aufgrund des empfunden höheren Risikos (z.B. zusätzliche US-Sanktionen oder Auseinandersetzungen, das Risiko für Veränderungen der Visabestimmungen [d.h. Schengen-Raum der EU], falls der Prozess der Sicherheitsüberprüfungen als zu locker wahrgenommen wird, Debatten in der Vergangenheit über vermeintliche Verkäufe von Reisepässen an Terroristen, usw.) ist dieser Beitrag etwas niedriger als in den karibischen Nachbarstaaten. Darüber hinaus schätze ich die Außenfinanzierungslücke für Venezuela im Jahr 2018 auf circa 4,9 Mrd. US-Dollar. Die Annahmen basieren auf einem Ölpreis von 50 US-Dollar für die PDVSA-Mischung und einer Gesamtproduktion von 2 Millionen Barrel pro Tag. Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Produktionsmenge im Vorfeld bereits an China, Russland und Kuba zugesagt ist, und unter der Annahme eines inländischen Ölverbrauchs von circa 500.000 bis 600.000 Barrel pro Tag, beträgt die tatsächliche Menge, die zum Marktpreis exportiert wird, lediglich ungefähr ein Drittel der Gesamtproduktion. Die Annahmen beinhalten darüber hinaus, dass keine weiteren Zahlungen in die ausländischen Schuldverschreibungen fließen (Venezuela und PDVSA).

Geht man davon aus, dass jeder venezolanische Reisepass 75.000 US-Dollar einbringt, könnte das Land mit 65.000 genehmigten Einbürgerungsanträgen die Finanzierungslücke für dieses Jahr schließen. Bringt man die Anzahl als Anteil an der Bevölkerung des Landes in einen Kontext, ist der Wert höher als die geschätzte anteilige Anzahl an Reisepässen, die von St. Lucia oder Malta verkauft wird, aber auch nicht extrem viel höher.  Ist die Idee umsetzbar? Wahrscheinlich nicht – aber vor dem Hintergrund des ausweglosen Liquiditätsengpasses in Venezuela muss man über bisherige Grenzen hinausdenken.

 

[1] Technisch betrachtet werden die von PDVSA emittierten Anleihen immer noch mit aufgelaufenen Zinsen gehandelt. Die vom Staat ausgegebenen Anleihen werden ohne Stückzinsen gehandelt, wie es für notleidende Finanzinstrumente üblich ist.

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