Welche Faktoren könnten die Weltwirtschaft aus der Bahn werfen?

Für die Weltwirtschaft sieht es momentan ziemlich gut aus. Die US-Notenbank fährt allmählich ihre quantitativen Lockerungsmaßnahmen zurück, während die Wirtschaft Chinas weiter kräftig wächst. Gleichzeitig spricht man bei der Bank of England bereits von Zinsanhebungen, wohingegen die Notenbanken Japans und Europas ihre Volkswirtschaften nach wie vor mit einer unkonventionellen und extrem lockeren Geldpolitik ankurbeln. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass das Wachstum in den etablierten Volkswirtschaften von seinem 0,5 Prozent-Tief aus dem Jahr 2012 bis 2015 auf fast 2,5 Prozent anziehen wird. Parallel dazu erwartet man in den Schwellenländern sogar ein Wachstum von 5,5 Prozent.

Natürlich ist es aufgrund der Komplexität der zugrunde liegenden volkswirtschaftlichen Tendenz bekanntermaßen schwierig, die Höhe des zukünftigen Wirtschaftswachstums vorherzusagen. Für eine wirklich exakte Prognose gibt es schlicht zu viele Variable. Aus diesem Grund wird die Vorgehensweise der Notenbanken auch oftmals mit einem Wagen verglichen, den man per Blick in den Rückspiegel steuert.

Deshalb ist es durchaus vernünftig, sich im Bezug auf das Wirtschaftswachstum auf diverse mögliche Szenarien vorzubereiten. Da der Markt zurzeit im Allgemeinen offenbar recht optimistisch gestimmt ist, hielten wir es für interessant, uns einmal auf die potenziellen Rückschlagrisiken für das Weltwirtschaftswachstum zu konzentrieren. So gehen wir nachfolgend auf drei Katalysatoren ein, die in den nächsten Jahren eine Rezession auslösen könnten. Zwar können selbstverständlich unendlich viele unvorhersehbare Ereignisse eintreten, doch die drei folgenden Szenarien halten wir auf absehbare Zeit für die wahrscheinlichsten.

Risiko Nr. 1: Korrektur der Asset-Preise

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Zweifellos hat auch die ultra-lockere Geldpolitik die Asset-Preise nach oben getrieben. So haben die niedrigen Zinsen in Verbindung mit den quantitativen Lockerungsprogrammen dazu geführt, dass Investoren an diversen Märkten – von Anleihen über Aktien bis hin zu Immobilien – hervorragende Erträge erzielt haben. Gleichzeitig haben aber auch die Notenbanken die Anleger dazu ermutigt, ihre Barreserven und ihr Erspartes in diverse Anlageformen zu investieren, um so positive reale Renditen zu erwirtschaften. Auch dies hat zum Anstieg der Asset-Preise beigetragen. Allerdings stellt sich nun die Frage, ob die Kurse nicht vielleicht doch bereits zu stark nach oben geklettert sind.

Dieser Prozess wird vermutlich so lange anhalten, bis ein Ereignis eintritt, in Folge dessen die Investmenterträge zukünftig wieder niedriger ausfallen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass eine Notenbank gezwungen sein könnte, ihr Kreditangebot einzuschränken, weil sie eine Überhitzung der gesamten Konjunktur oder auch nur eines einzelnen Marktsegments befürchtet. Ein Beispiel dafür sind die Überlegungen der Bank of England, aufgrund des beträchtlichen Preisanstiegs am britischen Immobilienmarkt makroprudenzielle Maßnahmen zu ergreifen.

Darüber hinaus ist die Volatilität an den Investmentmärkten momentan überraschend niedrig. Dies spricht dafür, dass sich die Märkte um die aktuellen Konjunkturaussichten keine allzu großen Sorgen machen. Betrachtet man beispielsweise den Chicago Board Options Exchange OEX Volatility-Index (der auch als der „alte VIX“ bekannt ist und als Barometer für die Volatilität am US-Aktienmarkt dient), so belegt dieser, dass die Märkte inzwischen womöglich bereits zu selbstgefällig geworden sind. Vor zwei Tagen ist dieser Index nämlich auf 8,86 Punkte und damit auf sein niedrigstes Niveau seit Beginn dieser Berechnungen im Jahr 1986 gesunken. Ähnliche Tiefs erreichte der Index Ende 1993 (wenige Monate vor der berühmten Verkaufswelle, die den Anleihenmarkt 1994 erfasste) sowie Mitte 2007 (und wir alle wissen ja, was dann 2008 geschah). Auf diese fehlende Volatilität haben einige Notenbanken (einschließlich der US-Notenbank und der Bank of England) auch bereits hingewiesen. Das Problem ist aber, dass genau diese Notenbanken mit ihrem „Forward Guidance“-Experiment auch am meisten zu dem derzeit günstigen Umfeld beigetragen haben, denn seitdem blicken die Anleger künftigen monetären Maßnahmen ganz entspannt entgegen.

Falls diese Ereignisse tatsächlich eintreten sollten, könnte es zu einer Neubewertung von Vermögenswerten kommen. Die Banken würden unter Druck geraten, weil die Sicherheiten, auf deren Basis Kredite vergeben worden sind, auf überhöhten Preisen beruhten. Eine solche Entwicklung dürfte dann auch beträchtliche Auswirkungen auf die Devisenmärkte haben, weil die Risikoscheu der Anleger zunehmen würde. Diese würden dann wahrscheinlich damit beginnen, Vermögenswerte zu veräußern. Darüber hinaus könnten diese Ereignisse auch auf die Realwirtschaft übergreifen und eine Rezession auslösen.

Risiko Nr. 2: Schock bei den Rohstoffpreisen

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Die Weltwirtschaft droht, erneut in eine Phase einzutreten, in der die realen Lebensmittel- und Treibstoffpreise zunehmenden Schwankungen unterliegen. Dafür ist eine ganze Reihe von Faktoren wie der Klimawandel, die steigende Produktion von Bio-Kraftstoff, geopolitische Ereignisse sowie ein sich veränderndes Essverhalten (und eine entsprechend wechselnde Nahrungsmittelnachfrage) in Ländern wie China und Indien verantwortlich. Auch Hebelgeschäfte an den Rohstoffmärkten könnten in diesem Zusammenhang ungünstige Auswirkungen haben. Es gibt also eine Vielzahl von Gründen zu der Annahme, dass es bei den Lebensmittelpreisen weltweit in Zukunft eher mehr als weniger Schocks geben wird.

Wie bereits im Jahr 2008 zu beobachten war, können solche Preisschocks sowohl das wirtschaftliche als auch das politische Umfeld destabilisieren. Man könnte sogar anführen, dass die große Finanzkrise eigentlich durch den Anstieg der Rohstoffpreise in den Jahren 2007 und 2008 ausgelöst wurde, und dass die Folgen dieser Krise für die globale Konjunktur deswegen so heftig waren, weil die Weltwirtschaft wegen der hohen Verschuldung für externe Schocks seinerzeit außerordentlich anfällig war. Tatsächlich folgte aber jeder der letzten fünf Abschwünge der Weltwirtschaft unmittelbar auf einen deutlichen Aufwärtstrend bei den Ölpreisen (wie die FT hier bereits erläutert hat). Ein derartiger Anstieg der Rohstoffpreise beeinflusst die etablierten Industriestaaten ebenso wie die Schwellenländer, wobei Arbeitnehmer mit niedrigen Einkommen am meisten in Mitleidenschaft gezogen werden, weil diese einen größeren Teil ihrer Einkommen für Lebensmittel und Benzin aufbringen müssen. Gleichzeitig hat eine solche Tendenz aufgrund der steigenden Preise auch beträchtliche Auswirkungen auf die Inflation.

Dieses Szenario eines Schocks bei den Rohstoffpreisen wirft eine Reihe von Fragen auf: Wie sollte man auf monetärer und fiskalpolitischer Ebene darauf reagieren? Würden sich die Notenbanken in einem solchen Fall vielleicht wieder stärker auf die Kern-Inflation konzentrieren und die höheren Treibstoff- und Lebensmittelpreise im Gegenzug ignorieren? Würden die Verbraucher ihre Gürtel enger schnallen und dadurch einen Rückgang des Wirtschaftswachstums verursachen? Oder würden die Arbeitnehmer als Ausgleich für eine steigende Inflation höhere Löhne fordern?

Risiko Nr. 3: Protektionismus

Nachdem der Handel über Jahrzehnte hinweg immer weiter liberalisiert worden ist, sind seit dem Ausbruch der Finanzkrise hauptsächlich restriktive Handelsmaßnahmen umgesetzt worden. So berichtete die Welthandelsorganisation kürzlich, dass in den G20-Staaten von Mitte November 2013 bis Mitte Mai 2014 insgesamt 122 neue Handelsbeschränkungen in Kraft getreten sind. Seit Oktober 2008 sind sogar 1.185 solcher Handelsbeschränkungen eingeführt worden, die rund 4,1 Prozent der weltweiten Warenimporte betreffen. Einige makroprudenzielle Maßnahmen (wie beispielsweise die Finanztransaktionssteuer in Brasilien, die darauf abzielt, Kapitalzuflüsse an den brasilianischen Markt zu begrenzen und die Währung des Landes zu schwächen) könnten sogar als eine Art Protektionismus betrachtet werden.

Falls es in diesem Zusammenhang nicht zu einer Trendwende kommen sollte, könnte das Wirtschaftswachstum durch diesen Handelsprotektionismus – und „Währungskriege“ – beeinträchtigt werden. Schwerwiegende Folgen hätte dies vor allem für kleinere, offene Volkswirtschaften wie Hongkong und Singapur. Doch auch die Schwellenländer insgesamt würden durch eine solche Entwicklung belastet werden, weil das Wirtschaftswachstum dieser Staaten in hohem Maße von Exporten abhängig ist.

Einen solchen Handelsprotektionismus machen viele Ökonomen auch dafür verantwortlich, dass die große Depression der 1930er Jahre so heftig, so umfassend und so langwierig war. Falls es zu einer Stagnation der Weltwirtschaft kommen sollte, könnten die politischen Entscheidungsträger aber in zunehmendem Maße gezwungen sein, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen, um mit deren Hilfe einzelne Branchen zu schützen und Arbeitsplätze zu sichern. Allerdings sollten die Politiker sorgsam darauf achten, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Die Erstellung von Wirtschaftsprognosen ist wirklich eine schwierige Aufgabe. Investoren sollten sich dieser Risiken bewusst sein – und zwar unabhängig davon, ob sie nun eintreten oder nicht – und sich entsprechend positionieren. Denn womöglich sind die Aussichten gar nicht so rosig wie derzeit allgemein angenommen wird.

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