Das britische ONS räumt erneut einen Fehler ein. Wird „der Wedge“ vielleicht noch größer?

In der Financial Times war heute zu lesen, dass das britische nationale Statistikbüro (Office for National Statistics, kurz ONS) bei seiner Bewertung des Telekommunikationssektors Fehler eingeräumt hat. Es scheint, als ob sich das ONS bei den Ergebnissen des Telekommunikationssektors im Grunde auf den Umsatz der Provider konzentriert hat und Preisannahmen anhand der von ihnen verkauften Güter und Dienstleistungen getroffen hat. Mit dieser Methode legt das ONS dar, dass die Telekommunikationspreise von 2010 bis 2015 seitwärts tendiert haben und der Umsatz der Unternehmen leicht zurückgegangen ist, was nahelegt, dass der tatsächliche Ertrag der Branche in diesem Zeitraum um 4% gesunken ist. Dieser Ansatz berücksichtigt aber nicht die riesigen Qualitätsveränderungen der verkauften Güter und Dienstleistungen. Wenn die Preise seitwärts tendiert haben, hätte der Telekommunikationssektor als Produktivitätsführer anerkannt werden müssen, ähnlich wie die Hersteller von Computern und Computerkomponenten, über den gleichen Zeitraum und aus den gleichen Gründen.

Wenn man allerdings versucht, das Ganze einerseits um die erheblich verbesserte Qualität der Hardware (die sich bestimmt schneller verbessert hat als die Preise gestiegen sind) und andererseits um die Datengeschwindigkeit und die Netzabdeckung zu bereinigen, lässt sich in diesem Bereich seit einigen Jahren ein Produktivitätsboom erkennen. Darüber hinaus zeigen die Daten- und Nachrichtenpakete, die heute zu einem ähnlichen Preis zu haben sind wie früher, dass die Preise auf der Dienstleistungsseite stark gefallen sind. Wenn man das zusammenführt, sind Wachstum und Produktivität unterschätzt worden und die Preise waren übertrieben.

Was man dem ONS lassen muss, ist die Tatsache, dass dies starke Ähnlichkeiten mit einem Fall hat, der sich im März 2017 in den USA ereignete, als die Statistiker die Vorherrschaft des „unbegrenzten Datenpakets“ in den USA zur Kenntnis nahmen (im Gegensatz zu den bis dahin verbreiteten Prepaid-Tarifen pro Dateneinheit) und eine hedonische Anpassung der Preise für Telekommunikationsdienstleistungen vornahmen, die glattweg der einzige große Auslöser der niedrigen US-Inflation im Jahr 2017 war. Ja, sie hatte größere Auswirkungen auf den US-Verbraucherpreisindex (Consumer Price Index, kurz CPI) als die Löhne, die den CPI indirekt beeinflussen und 2017 im Wesentlichen seitwärts tendierten. Wenn die Inflationsdaten für April in den USA veröffentlicht werden, wird sich das nicht mehr negativ bemerkbar machen, und das ist einer von zahlreichen Gründen, der durchaus für die starke Entwicklung der US-Breakeven-Raten in den letzten Monaten verantwortlich gewesen sein dürfte.

Wir sind alle an großzügige Korrekturen der Wachstumsdaten gewöhnt, insbesondere der Produktivitätsdaten, und das häufig über lange und weit zurückliegende Zeiträume in der Vergangenheit. Der CPI wurde jedoch seit seiner Einführung 1996 noch nie rückwärtsgerichtet korrigiert. Das wirft auch einige Fragen auf, zum Beispiel, was mit Verträgen passieren würde, die mit dem CPI verknüpft sind (z. B. Rentenzahlungen) und ob die Sozialversicherungsbeiträge von Leuten rückerstattet werden müssten, denen im Vergleich zum korrigierten niedrigeren CPI zu viel ausbezahlt wurde. Diese Fragen sind aus politischer Sicht sicherlich viel zu unangenehm, um überhaupt in Erwägung gezogen zu werden. Wenn die Veränderungen aber ab dem Zeitpunkt der Datenkorrektur vorgenommen werden würden, gäbe es möglicherweise eine große Abweichung zwischen dem vergangenen, gegenwärtigen und künftigen CPI. Müsste die Bank of England beispielsweise zum Korrekturzeitpunkt ihre Politik extrem lockern, um die neue Inflation auf 2% zu heben? Trotz dieser Folgen der verbesserten Datenmessung müssen sich aber auch positive Veränderungen ergeben. Die Frage für andere und für einen anderen Zeitpunkt lautet: inwiefern?

Welche Auswirkungen hätten diese Änderungen des Inflationsverlaufs des Telekommunikationssektors auf den CPI? Dafür – wie in vielen anderen Fällen in der Vergangenheit auch – muss ich mich dankbar wie immer an Alan Clarke von Scotiabank wenden, der mich heute Morgen auf diese Geschichte hingewiesen und bereits seine eigenen groben Berechnungen angestellt hat. Telefonanlagen und -dienstleistungen haben im CPI eine Gewichtung von 2,5%. Unter der Annahme, dass 50% davon Dienstleistungen sind und die Preise von 2010 bis 2015 um 35% bis 90% niedriger gewesen sein könnten (wovon der Artikel in der Financial Times handelt), könnte der CPI also jedes Jahr 9 bis 23 Basispunkte niedriger sein.

Das passiert vielleicht nie, und wenn es passiert, dann vermutlich nicht vor mindestens 2019. Außerdem wird wahrscheinlich nur der CPI berichtigt, da das ONS insistiert, dass der Einzelhandelspreisindex (Retail Price Index, kurz RPI) „niemals korrigiert wird“. Das ist wichtig, da Inhaber von inflationsindexierten britischen Anleihen am RPI und nicht am CPI aufgehängt sind und der Unterschied dieser beiden Indizes (der „Wedge“, der sowohl niedriger als auch höher sein kann!) vermutlich zwischen 0,75% und 1% liegen wird. Wenn der RPI unverändert bleibt, müsste der Unterschied auf 0,85% bis 1,2% hochkorrigiert werden und die Breakeven-Raten würden steigen, wodurch inflationsindexierte britische Anleihen besser abschneiden würden als konventionelle britische Staatsanleihen. Der RPI steht bereits in der Kritik, zu hoch und zu antiquiert zu sein, und das macht die Sache nicht leichter. Ein Spätzünder also, aber einer, den man beobachten muss. Wohlgemerkt sollten wir die Schwierigkeit der Bemessung dieser Dinge anerkennen. Und wenn sich gleichzeitig die Qualität und Quantität meiner wässrigen Suppen und trockenen Sandwiches in der City of London verbessern würde, würde die Inflation vielleicht nicht fallen, sondern tatsächlich steigen!

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Kategorisiert als: Inflation
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